Samstag, 12. September 2015

Warzen als Narben viraler Invasion

Solange ein Pickel noch frisch ist, beackere ich das Ereignis, in dem er auftrat, inhaltlich. Das können manchmal endlose Gespräche sein, bevor ich genau bei dem Gedankengang ankomme, der die regionale virale Invasion wie ein trojanisches Pferd getriggert hat. Da das mühselig ist, haben meine Vorfahren entsprechende Rituale etabliert: Meine Oma bat mich zum Beispiel bei Vollmond auf den Friedhof zu gehen. Witwenlogik. Opa war sehr schön, aber recht jähzornig. Genauso ist er dann gestorben - an einem Schlaganfall, als er mal nicht stockbesoffen war, nehme ich an. Lange her. Da mir der Aufwand seinetwegen auf den Friedhof zu gehen zu groß war, hatte ich mir sämtliche etwa zwanzig Warzen auf dem rechten Handrücken einzeln von einer mir sympathischen Hautärztin vereisen lassen. Auf Omas Vorschlag einzugehen hätte allerdings wesentlich mehr Prozesse angestoßen als das bloße Vereisen, sodass ich mich durch die Zäsur vielleicht insgesamt stabilisiert hätte. Aber ich war damals erst zehn Jahre alt. Als Oma mir dann kurz vor ihrem Tod meine Hand auf die Region legte, in der Opa mehrfach war, sodass ich irgendwann entstand, dachte ich wieder mal an ihn. Vor zehn Jahren, als ich über mein Wohin und Woher mehr ackerte als sonst, zwei zufrieden glänzende Fliegen auf demselben Handrücken poppten und im Radio dazu "Love is all around" von "Wet, wet, wet" lief, fiel er mir auch wieder ein. Emil, keine Amelie, auch kein Grund irgendwem irgendwann irgendwas zu mailen, nur einer, der irgendwann mal in meinem Leben auftauchte, aus Hoffenheim stammt, dort wohl auch weitere Nachfahren hinterließ und in der neuen Heimat großflächig Tabak anbaute, zumal er sich schon nicht mehr den eigenen Schnaps brennen konnte. Dass Vaters Eltern nach dem Krieg ausgerechnet nach Süddeutschland flüchteten, wird Zufall gewesen sein. Morphogenetische Felder und der Rest der Galaxis ... Die Gleichzeitigkeit der Fliegenpopperei und des Liedes beeindruckte mich allerdings derart, dass ich sogar Tag und Uhrzeit festhielt. Ergebnis: es traten keine erneuten Warzen auf. Sich abgrenzen zu können, kann erleichtern, wie Loslassen überhaupt. Dass mir es mir nur selten gelingt loszulassen, steht auf einem anderen Blatt. Der Lippenherpes im Moment ist schlimm. Trauerarbeit resp. Weltekel eben. Ich habe Zeit. Niemand zwingt mich schneller Entscheidungen zu treffen als mir gut tut. Ich bin nicht auf der Flucht.

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