
Charisma der Gelassenheit
Was mir Freude macht? Hassen zu dürfen. Ich bin bestimmt nie harmoniesüchtig gewesen. Aber jetzt ganzen Bevölkerungsgruppen das Recht auf Hass abzusprechen, nur damit sie leichter zu verwalten sind, ist verrückt. Hass schafft Abstand und ist dadurch mindestens so wichtig wie Liebe. Ohne Hass gibt es keine Individuation. Ihn zu verbieten kommt der Aufforderung zur Selbstverleugnung gleich. Wer kann mit Vergnügen Eigenes schöpfen, sobald er nicht mehr hassen darf? Selbst die meisten Kinderspiele kommen nicht ohne ein Quäntchen Hass aus. Was wäre Fußball ohne Hass? Hass ist ein, wenn nicht sogar DER Motor, der Gruppen zusammenschmiedet, Wahlen notwendig macht und Gemeinwesen erzwingt. Wenn ich mich an Kaspar Hauser erinnere, bestand sein hauptsächliches Handicap wohl darin, dass ihm aufgrund seiner Einsamkeit Hass nicht vertraut war, sodass ihn jeder mit Nähe zumüllen konnte. Seine Sozialisierung hat er dadurch nur kurzzeitig überlebt. Echte Harmonie kommt ohne Hass nicht aus. Alles Andere ist Krieg und nicht automatisch Liebe. Am ehesten fühlt Hass sich wie Stolz an und provoziert so Gegenwehr. Trifft Stolz auf Stolz, lässt sich durch diesen Kontakt allein keine Liebe erzwingen, höchstens Mitleid. Riskant wird es, sobald die, die sich hassen, nicht mehr miteinander reden, weil ihnen der Hass die Sprache verschlägt, nachdem er sich bei beiden vor lauter Selbstverleugnung um des lieben Friedens willen angestaut hat.
Eine zweite Haut, die mir gefallen könnte, müsste stolz und trotzdem gelassen sein. Jedenfalls niemand, der den Alltag mit Notfällen überfrachtet, dadurch permanent nach einfachen, schnellen und billigen Lösungen sucht und mich dadurch auslaugt.
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