Donnerstag, 5. Mai 2016

Vatertag. Unterwegs an der Elbe

Es ist einer dieser Tage, an denen ich unabhängig vom Wetter nie das Haus verlasse: Himmelfahrt. Aber mein Vater wird 91 und wäre traurig, wenn ich ausgerechnet zum Vatertag nicht meine Beine unter seinem Tisch ausstrecke. Der Weg zu ihm führt vorbei an kontaktfreudigen angeheiterten Menschen, die sich über mein angespanntes Auftreten mokieren. Ausgerüstet sind sie mit Unmengen Bier, das sie tragen, rollen, schlürfen und aufstoßen, während sie mit x Blödeleien den Moment kommentieren. Die Busse sind mehr als überfüllt von den unternehmungslustigen Häuflein. Am anderen Ende der Buslinie wartet Vater, neben sich das tutende Telefon und lamentiert, dass niemand anruft. Vorab frage ich Mutter, welchen Wippler-Kuchen sie mag, um je zwei Stücke leichten Kuchens mitzubringen. Sie hat regelrechten Hunger auf Käsekuchen und will eine ganze Torte. Ninas findet Streuselkuchen mit Puddingfüllung gut, den Vater gern in Unmengen verputzt. Das Bestellen ist kompliziert, zumal die Bäckersfrau Minuten zuvor die einzig verfügbare Käsetorte angeschnitten und zum Teil verkauft hatte. Also kaufe ich den verbliebenen Rest nebst Puddingstreuseln. Mehrere Bierschwenker, die offensichtlich nix brauchen, aber den Laden füllen, kommentieren den Kauf halblaut und wählen den Bus zum Schlosspark Pillnitz. In der Heide hätten sie sich ungestörter vergnügt, ohne Eintritt zu zahlen. Das irritiert sie nicht. Die Konsequenz für mich: Ich stehe zwanzig Minuten im Bus und höre Gespräche mit, statt Peter Stamms „Wir fliegen“ im Sitzen zu lesen. Dummerweise hatte ich Vater vorab gefragt, ob er Maiglöckchen mag. Er mag. Also schleppe ich die mit, obwohl sein ganzer Garten von Maiglöckchen überwuchert wird. Ich stehe bepackt in der Menge und schwitze, ohne zu ahnen, ob die Bodylotion so dezent duftet, wie ich hoffe. Es ist L’Eau d’Issey, der Lieblingsduft von Michi Sailer, dem Schwabinger Vereinsheimer. Als der mir diese Vorliebe mitteilte, musste er sich grad mit Sebamed auf dem Badewannenrand begnügen. Zugegeben es ist kein regelrechter Männerduft, aber einer, der dem eigenen Körper offenbar Altglascontainerfrische vermittelt. Männertag mit Michis Duft im Bus nach Pillnitz neben x Bierträgern, -haltern und -trinkern. Und das Einzige, was ich zu hören bekomme, ist: „Es riecht herb.“ Klar riecht es herb. Doch dafür kann Michi nix. Ich rieche damit unsympathisch wie ein gehetztes Reh. Aber ich bin unterwegs. Held unter Helden. Kaum bin ich angekommen, ist der Kuchen alle. Das Gespräch dreht sich um Katzen in der Stadt. Vaters Kollegin ist überzeugt, dass die Stadt der ideale Lebensraum für englische Kurzhaarkatzen ist. Doch ich träume von einer norwegischen Waldkatze wie Garfield. Auf dem Dachboden krame ich nach Schallplatten. Ohne Taschenlampe finde ich sie nicht. Dabei klebt an der Bodentür ein von Nina gezeichneter Lageplan sämtlicher Kisten mit Inhaltsangaben. Die Angaben finden sich auf den Kisten handtellergroß wieder. Denn Nina hatte ihre WG am Meer noch während der Masterarbeit aufgelöst und den Hausrat auf dem Boden meiner Eltern verstaut. Seit September wohnt sie bei ihnen in meinem Kinderzimmer. Sie drückt mir einen USB-Stick mit Achtsamkeitsübungen in die Hand. Da ich am nächsten Tag Besuch erwarte, mit dem ich radeln will, borge ich mir Mutters Rad aus dem Keller. Im Regal daneben steht ein fünfarmiger Leuchter samt Kerzen. Ich darf ihn mitnehmen. Er scheppert in der Radtasche auf dem Traidlerpfad. Dort überhole ich einen flaschensammelnden Nachbarn. Der angelt gern und schafft es tatsächlich, dass die Elbwiese zwischen Wasserwerk und Niederpoyritzer Fähre müllfrei wird. Noch während er Flaschen in seiner Tasche verstaut, erzählt er, wie es seiner Familie inzwischen ergangen ist. Kurz darauf weist er mich auf den Schlamm am nächsten Zufluss hin und verschwindet zwischen den Bäumen. Die Fähre schwankt mit juchzend taumelnden Passanten über Motorbootwellen in der Abendsonne - mittendrin ich.

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