Bewegung
… Du siehst ihn und kommst nicht an ihm vorbei – ein lebendes Exponat zum
Mindestlohn, kaum gefragt schon auf seine Pflichteindrücke verweisend. Er ist
Regisseur. Das ist nicht zu übersehen. Regisseur, egal was er macht, auch wenn
er anders vergütet wird. Er ergänzt, dass es nicht mal um die Auffassung des
Hauses geht, sondern um eine Fremdfirma. So erfahre ich endlich, wer die
Aufsicht bezahlt. „ … hier an diese Stelle gestellt“, keift er. Beruf bleibt
Diagnose. Immerhin fragt er irgendwann, worum es denn gehen soll. Ungewohnt
höflich beginne ich: „Was macht Ihnen hier am meisten Spaß?“ „Dass ich Geld
verdiene“, antwortet er erwartungsgemäß, „ich muss es Ihnen so sagen. Es ist
sicherlich keine interessante Tätigkeit, die mit großem Abwechslungsreichtum
gespickt ist. Aber wenn Sie diese Frage stellen, kann ich Sie Ihnen nur so
beantworten. Das ist die Frist, die ich von meinem eigentlichen Beruf bis zur
Rente hier zubringe. Sicherlich an einer Stelle, wo es warm und trocken ist …“
Er war am Theater in Meiningen. Ein Hinterwäldler, geografisch gesehen. „Ich
hab die große Zeit mit Ulrich Burkhardt mitgemacht“, schaut er mich an. Ich
erstarre: Sieht der aus wie Hommel und steht am Eingang? Wohl eher nicht. Es
war ein Unfall, schreibt Wiki. „Das ist sicher eine nicht-typische Biografie“,
holt er mich ins Hier und Jetzt zurück, „warum ich diese Sache nicht mehr
weitermache, hat persönliche Gründe.“ Wie ein x-beliebiger Regisseur, der mit
einem x-beliebigen Noch-Nicht-Unfalltoten zusammenarbeitete, den Raum erlebt?
„Mich interessieren weniger die Exponate als die Menschen, die mir täglich
begegnen. Die lernt man mitunter ungeschminkt kennen …“ Verdammte Hitze. Meine Schminke sieht offensichtlich nach dem Radeln
bratpfannenmäßig aus. Kosmetik ist eben doch Glückssache. „… in dem Job, den
man hier auszuüben hat“, wird seine Stimme plötzlich dünn und nah. Nix
Pokerface mehr bei mir? Ich muss üben. Sitzt das Presseschild? Abhauen? „Was
heißt das, ungeschminkt?“, frage ich harmlos. Er richtet sich altväterlich auf
und beginnt: „Naja, das sind manchmal Dinge … Es ist heute üblich, auf
Reglementierungen nicht mehr eingehen zu wollen. Man hat in irgendeiner Form
eine Freiheit verinnerlicht, die ich nicht nachvollziehen kann. Wir wissen,
dass gerade die Freiheit einen großen Zwang auferlegt zu sagen: Wir gönnen
allen die Freiheit, aber die hört eben dort auf, wo die Beschränkung des
Anderen beginnt. Das ist schon ein hohes Maß von Disziplin, die so zu erhalten.
Da mache ich schon manchmal Beobachtungen. Kein Wunder, dass die Zeitgenossen
das, was sie über Jahre so mühsam erkämpft haben, aufs Spiel setzen – wenn man
schon über Demokratie spricht.“ Ich brauch eine Burka! „Ja, das ist jetzt aber
ein tiefschürfendes Gespräch geworden. Das wollten Sie gar nicht führen. Oder
doch?“, versucht er mein Burkaschweigen zu deuten. Ich höre mich stottern.
Nicht dass ich das nicht an mir kenne, trotzdem steigt jedesmal Eisprungschweiß
in mir auf: „Wie sind Ihre Eindrücke zur Bewegung?“ „In diesem Raum?“, fragt er
zurück, als ob ich dabei bin, mir sämtliche Sachen vom Leib zu reißen.
Platzangst, Soziophobie, raus, weg … „Äh, Sie fragten mich, warum ich mich
freue hier zu stehen. Da habe ich Ihnen verschiedene Gründe genannt, die es
mich ertragen lassen, dass ich hier äh tätig bin. Was die Bewegung betrifft,
das ist schon eine interessante Geschichte, dass wir Bewegungen eigentlich
unentwegt ausführen. Selbst im Tiefschlaf.“ Sieht der, dass ich Narkosen
gemacht hab? Entspannt bleiben! „Und das diese mitunter ganz ohne unseren
Willen geschehen“, scheint er mich weiter zu beobachten. Verdammter
monarchoider Plural, ich hasse ihn. Einmal Regisseur, immer Regisseur. „Diese
Sache wird einem hier bewusst“, zieht er sich endlich zurück, „wenn man also
ohne wirkliche äußere Bewegungen den Ortswechsel oder eine körperliche
Ertüchtigung betrachtet, wie viel in unserem Körper los ist.“ Da isser wieder, dr
Plural. Diese Schmeißfliege. „Was sich da bewegt, das ist keineswegs ein
Gegenstand in Ruhe.“ Ich muss Facebuilding machen. Facebuilding forever und es
geht wieder mehr als Telefoninterviews. „Einmal, ich sagte es bereits, wenn wir
tief schlafen“, geht er ins Polizistenstaccato über. Hat eigentlich jeder
Polizist automatisch rigoresken Parkinson, sobald er den Mund aufmachen muss
oder ist das DDR-Nostalgie? „Wahrscheinlich ist Bewegung das, was sich zwischen
Tod und Geburt, umgekehrt zwischen Geburt und Tod“, vesucht er ein Lachen,
„abspielt. Das ist Bewegung“, gluckst er fast befreit, „Leben ist Bewegung“,
präzisiert er mit Stationvoice. „Schönen Dank“, kontere ich mit dem
professionellsten Nebenbei-Nuscheln, das ich für solche Momente parat habe, und
gehe. Verdammt ist das endlich der letzte Raum? Nein, ich gehe nicht. „Da
müsste ich jetzt zum Buddhismus konvertieren“, antwortet er auf mein
genuscheltes VielSpaßBeiDerReinkarnation, das mir offensichtlich doch noch
nicht genuschelt genug entfleucht war. „Das will ich eigentlich nicht. Ich
denke mal, einmal gelebt ist genug. Wer weiß, was danach kommen wird“, er.
Nein, ich sage jetzt NICHT: „Die Bodyfarm.“ „Wir alle wissen es nicht. Ich bin
Agnostiker. Ich sage, ich weiß zu fünfzig Prozent nicht, dass Gott existiert.
Ich weiß aber zu fünfzig Prozent – nach meinem Gefühl – dass es ihn geben kann“,
schwelgt er im Moment. „Viel Spaß“, entlasse ich ihn aus meiner Vision und gehe
weiter. „Bitte sehr“, höre ich ihn noch. Friedhofsimker, im nächsten Leben
werde ich Friedhofsimker. „So, also dafür dass ich kein Interview geben wollte,
habe ich jetzt viel gesagt“, lacht ein Mann. Kenne ich den? Keine Ahnung.
Irgendein Regisseur eben. „Ich danke Ihnen“, sagt der doch jetzt tatsächlich.
Set those goals that will help you grow. Meins? Welchen Tweet darf ich bloggen - eine Langzeitstudie.
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