Samstag, 24. September 2016

Wenn es tatsächlich einen Zwang gibt, dann den nicht die Klappe zu halten

Bewegung … Du siehst ihn und kommst nicht an ihm vorbei – ein lebendes Exponat zum Mindestlohn, kaum gefragt schon auf seine Pflichteindrücke verweisend. Er ist Regisseur. Das ist nicht zu übersehen. Regisseur, egal was er macht, auch wenn er anders vergütet wird. Er ergänzt, dass es nicht mal um die Auffassung des Hauses geht, sondern um eine Fremdfirma. So erfahre ich endlich, wer die Aufsicht bezahlt. „ … hier an diese Stelle gestellt“, keift er. Beruf bleibt Diagnose. Immerhin fragt er irgendwann, worum es denn gehen soll. Ungewohnt höflich beginne ich: „Was macht Ihnen hier am meisten Spaß?“ „Dass ich Geld verdiene“, antwortet er erwartungsgemäß, „ich muss es Ihnen so sagen. Es ist sicherlich keine interessante Tätigkeit, die mit großem Abwechslungsreichtum gespickt ist. Aber wenn Sie diese Frage stellen, kann ich Sie Ihnen nur so beantworten. Das ist die Frist, die ich von meinem eigentlichen Beruf bis zur Rente hier zubringe. Sicherlich an einer Stelle, wo es warm und trocken ist …“ Er war am Theater in Meiningen. Ein Hinterwäldler, geografisch gesehen. „Ich hab die große Zeit mit Ulrich Burkhardt mitgemacht“, schaut er mich an. Ich erstarre: Sieht der aus wie Hommel und steht am Eingang? Wohl eher nicht. Es war ein Unfall, schreibt Wiki. „Das ist sicher eine nicht-typische Biografie“, holt er mich ins Hier und Jetzt zurück, „warum ich diese Sache nicht mehr weitermache, hat persönliche Gründe.“ Wie ein x-beliebiger Regisseur, der mit einem x-beliebigen Noch-Nicht-Unfalltoten zusammenarbeitete, den Raum erlebt? „Mich interessieren weniger die Exponate als die Menschen, die mir täglich begegnen. Die lernt man mitunter ungeschminkt kennen …“ Verdammte Hitze. Meine  Schminke sieht offensichtlich nach dem Radeln bratpfannenmäßig aus. Kosmetik ist eben doch Glückssache. „… in dem Job, den man hier auszuüben hat“, wird seine Stimme plötzlich dünn und nah. Nix Pokerface mehr bei mir? Ich muss üben. Sitzt das Presseschild? Abhauen? „Was heißt das, ungeschminkt?“, frage ich harmlos. Er richtet sich altväterlich auf und beginnt: „Naja, das sind manchmal Dinge … Es ist heute üblich, auf Reglementierungen nicht mehr eingehen zu wollen. Man hat in irgendeiner Form eine Freiheit verinnerlicht, die ich nicht nachvollziehen kann. Wir wissen, dass gerade die Freiheit einen großen Zwang auferlegt zu sagen: Wir gönnen allen die Freiheit, aber die hört eben dort auf, wo die Beschränkung des Anderen beginnt. Das ist schon ein hohes Maß von Disziplin, die so zu erhalten. Da mache ich schon manchmal Beobachtungen. Kein Wunder, dass die Zeitgenossen das, was sie über Jahre so mühsam erkämpft haben, aufs Spiel setzen – wenn man schon über Demokratie spricht.“ Ich brauch eine Burka! „Ja, das ist jetzt aber ein tiefschürfendes Gespräch geworden. Das wollten Sie gar nicht führen. Oder doch?“, versucht er mein Burkaschweigen zu deuten. Ich höre mich stottern. Nicht dass ich das nicht an mir kenne, trotzdem steigt jedesmal Eisprungschweiß in mir auf: „Wie sind Ihre Eindrücke zur Bewegung?“ „In diesem Raum?“, fragt er zurück, als ob ich dabei bin, mir sämtliche Sachen vom Leib zu reißen. Platzangst, Soziophobie, raus, weg … „Äh, Sie fragten mich, warum ich mich freue hier zu stehen. Da habe ich Ihnen verschiedene Gründe genannt, die es mich ertragen lassen, dass ich hier äh tätig bin. Was die Bewegung betrifft, das ist schon eine interessante Geschichte, dass wir Bewegungen eigentlich unentwegt ausführen. Selbst im Tiefschlaf.“ Sieht der, dass ich Narkosen gemacht hab? Entspannt bleiben! „Und das diese mitunter ganz ohne unseren Willen geschehen“, scheint er mich weiter zu beobachten. Verdammter monarchoider Plural, ich hasse ihn. Einmal Regisseur, immer Regisseur. „Diese Sache wird einem hier bewusst“, zieht er sich endlich zurück, „wenn man also ohne wirkliche äußere Bewegungen den Ortswechsel oder eine körperliche Ertüchtigung betrachtet, wie viel in unserem Körper los ist.“ Da isser wieder, dr Plural. Diese Schmeißfliege. „Was sich da bewegt, das ist keineswegs ein Gegenstand in Ruhe.“ Ich muss Facebuilding machen. Facebuilding forever und es geht wieder mehr als Telefoninterviews. „Einmal, ich sagte es bereits, wenn wir tief schlafen“, geht er ins Polizistenstaccato über. Hat eigentlich jeder Polizist automatisch rigoresken Parkinson, sobald er den Mund aufmachen muss oder ist das DDR-Nostalgie? „Wahrscheinlich ist Bewegung das, was sich zwischen Tod und Geburt, umgekehrt zwischen Geburt und Tod“, vesucht er ein Lachen, „abspielt. Das ist Bewegung“, gluckst er fast befreit, „Leben ist Bewegung“, präzisiert er mit Stationvoice. „Schönen Dank“, kontere ich mit dem professionellsten Nebenbei-Nuscheln, das ich für solche Momente parat habe, und gehe. Verdammt ist das endlich der letzte Raum? Nein, ich gehe nicht. „Da müsste ich jetzt zum Buddhismus konvertieren“, antwortet er auf mein genuscheltes VielSpaßBeiDerReinkarnation, das mir offensichtlich doch noch nicht genuschelt genug entfleucht war. „Das will ich eigentlich nicht. Ich denke mal, einmal gelebt ist genug. Wer weiß, was danach kommen wird“, er. Nein, ich sage jetzt NICHT: „Die Bodyfarm.“ „Wir alle wissen es nicht. Ich bin Agnostiker. Ich sage, ich weiß zu fünfzig Prozent nicht, dass Gott existiert. Ich weiß aber zu fünfzig Prozent – nach meinem Gefühl – dass es ihn geben kann“, schwelgt er im Moment. „Viel Spaß“, entlasse ich ihn aus meiner Vision und gehe weiter. „Bitte sehr“, höre ich ihn noch. Friedhofsimker, im nächsten Leben werde ich Friedhofsimker. „So, also dafür dass ich kein Interview geben wollte, habe ich jetzt viel gesagt“, lacht ein Mann. Kenne ich den? Keine Ahnung. Irgendein Regisseur eben. „Ich danke Ihnen“, sagt der doch jetzt tatsächlich.

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