Mittwoch, 11. September 2019

18:39 Ich hab in den letzten 19 Jahren auch kapiert, dass ich sowohl Radio als auch Fernsehen ausschalten kann. Insofern ist das auch kein Problem, das mich stärker beeinträchtigt als das Stornieren eines Abos, wenn mich Inhalte zu irritieren beginnen. Da ich weiß, dass Hintergrundgeräusche Aufmerksamkeit binden, betraf das sowieso nur die Momente, in denen ich allein war, zumal niemand in der Familie Interesse dafür aufbrachte zu sehen, was ich sehe, da jeder ausgefüllt war von dem, was ihn bewegte. Aber wenn mein Vater inzwischen lieber Bares für Rares sieht als mit mir in den Garten zu gehen, berührt mich das schon, zumal er im Pflegeheim auf vieles verzichten muss, was er im Laufe der Jahrzehnte erworben hatte, und für sein Leben gern gehandelt hatte. So schwappt immer noch Einiges aus den Medien in mein eigenes Leben hinüber, ohne dass ich mich dem entziehen kann. Dass der Sendeplatz vorher einem meiner Münchner Mitschüler “gehörte”, macht es auch nicht angenehmer.

19:08 Ich kenne bislang noch keinen Menschen, der noch nie Selbstmordgedanken hatte. Das ist offensichtlich mindestens so häufig wie die Angst vorm Herzstillstand. Wie hätte die Schwester reagieren sollen, um dich stärker aufzufangen? Mir hat sogar schon einer gedroht, hinterher zu springen, wenn ich springe. Das war aber nicht erstaunlich, zumal er Minuten vorher schon aus dem Fenster geklettert war. Das gehört wahrscheinlich zum Leben dazu, wenn man einander vertraut. Ich mag es trotzdem nicht. Insofern hätte ich mir wahrscheinlich genau wie die Schwester ein BeschreibEsMirKonkreter verkniffen. Wie ist es mit Keramik, Weben oder Körbeflechten? Kommst du damit eher bei dir selbst an, als wenn du dich reden hörst? Ich schreib mir in solchen Momenten Liebesbriefe, in denen ich um mich kämpfe.

19:23 Stimmt es, dass du müde wirst, sobald es ruhig ist? Magst du diese Ruhe genauer beschreiben? Ich hab eine Freundin, die muss sich die Situation, die sie mag, nur vorstellen, um Ruhe zu finden. Das bedeutet konkret, dass sie im Bombastuskatalog nur die betreffende Seite aufschlägt, den Wirkstoffnamen liest und sofort die Veränderung spürt, die eintreten würde, wenn sie ihn zu sich genommen hätte. Ich hab sie damit ein bisschen geneckt und behauptet, dass das an den Fischer erinnert, der den Hering über den Wassertopf hängt, um ihn am nächsten Tag noch weiterverkaufen zu können, und trotzdem satt wird. Aber sie ist sich ihrer Sache sicher. Hast du auch so einen Katalog mit Affirmationen?

19:45 Bin grad auf Patricia Waller aufmerksam geworden: Sie nutzt Häkeln als Ausdrucksmöglichkeit, um über das Materialgefühl bei sich selbst anzukommen, während sie sich mit dem Beunruhigenden auseinandersetzt. Ich denke, es gibt viele Wege, die entlasten ohne dich räumlich derart zu begrenzen wie es eine Klinik nun mal zu tun gewohnt ist. Weil ich meine Stimme mag und mich gern reden höre, hab ich auch Podcasts erstellt. Dadurch kann ich mir selbst zuhören, wenn grad kein anderer da ist, der es tun mag. Die dabei entstehenden Produkte werden mir von Jahr zu Jahr kostbarer.

MOV03807 from Christine Salzer on Vimeo.

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